
Ist BARF gesünder als Fertigfutter? Was Studien zeigen

Wichtiger Hinweis
Dieser Artikel dient ausschließlich zu Informationszwecken und ersetzt keine tierärztliche Beratung. Bei gesundheitlichen Problemen Ihres Haustieres wenden Sie sich bitte an einen Tierarzt.
Das Wichtigste in Kürze
- Einen gesundheitlichen Nutzen von Rohfütterung sieht der Weltverband der Kleintiermedizin WSAVA nicht ordentlich belegt, die Risiken dagegen schon
- Plausibel ist nur eine etwas bessere Verdaulichkeit, und auch die zeigte sich in einer kleinen, von einem Futterhersteller bezahlten Studie bei schonend gegartem Futter genauso
- Die Helsinki-Studie zu Allergien zeigt Zusammenhänge aus Halterfragebögen, keine Ursache, und wurde unter anderem von Rohfutterherstellern mitfinanziert
- Von 95 BARF-Rationen in Deutschland waren 60 Prozent unausgewogen; ohne berechnete Ration fehlt leicht etwas
- Roh gefütterte Hunde scheiden häufiger resistente Darmbakterien aus, auch Menschen im Haushalt können sich anstecken
Dass Hunde mit BARF gesünder sind als mit Fertigfutter, ist nicht ordentlich belegt, schreibt der Weltverband der Kleintiermedizin WSAVA. Die Risiken sieht er dagegen gut dokumentiert und rät von Rohfütterung ab. Plausibel ist laut einer britischen Übersichtsarbeit nur eine etwas bessere Verdaulichkeit und Kotqualität. Belegt sind zwei Probleme: Selbst gemischten Rationen fehlt oft etwas, und rohes Fleisch bringt Keime mit.
Was BARF verspricht, und was gemessen wurde
In BARF-Ratgebern heißt es, roh gefütterte Hunde setzten weniger Kot ab, bekämen seltener Zahnstein, und bei einer Allergie lasse sich jede Zutat einfach weglassen. Die britische Tierärztevereinigung BVA sieht es offener als die WSAVA: Einige kleine Studien deuteten auf einen möglichen Nutzen hin, nötig sei aber mehr Forschung, und jeder Nutzen müsse gegen die Risiken abgewogen werden. Was die einzelnen Versprechen tragen:
Verdauung und Kot
Eine britische Übersichtsarbeit hält bessere Verdaulichkeit und Kotqualität für plausibel und alle übrigen Gesundheitsversprechen für eine Mischung aus Anekdote und Meinung (Davies et al. 2019). Ein Vorteil allein des Rohen ist auch das nicht: In einer Studie an acht Hunden waren rohes und schonend gegartes Fertigfutter beide gut verdaulich, und der Kot blieb bei allen Futtern von annehmbarer Beschaffenheit, bei rohem Futter war er etwas weicher (Algya et al. 2018). Bezahlt hat die Studie der Hersteller, von dem das rohe und die beiden gegarten Testfutter stammten.
Zähne
Dass der Zahnstein zurückgeht, ist ein Kau-Effekt, kein Roh-Effekt. Bei acht Beagles, die rohe Rinderknochen kauten, schrumpfte die Fläche mit Zahnstein in zwölf Tagen um 70,6 Prozent (Marx et al. 2016). Bei zwölf Beagles wirkten auch autoklavierte, also unter Druck erhitzte Rinderknochen sehr gut, einige Hunde bekamen davon aber Verletzungen am Zahnfleisch (Pinto et al. 2020). Die WSAVA schreibt allerdings, dass Knochen das Risiko für Zahnbelag und für Zahnverlust durch Parodontitis nicht senken und Zähne abbrechen können. Auch sonst haben Knochen eine Kehrseite: In einer australischen Auswertung von 349 Fremdkörpern in der Speiseröhre von Hunden waren 77,4 Prozent Knochen (Wyatt & Barron 2019). Was gegen Zahnstein sonst hilft, steht unter Zahnstein beim Hund.
Fell und Haut
Zähne, Ohren und Haut von 28 roh und 27 mit Trockenfutter ernährten Hunden wurden tierärztlich bewertet, ohne dass die Prüfperson wusste, wer was frisst. Die roh gefütterten schnitten leicht besser ab. Ihre Halter gaben aber auch häufiger Nahrungsergänzungen und machten öfter Hundesport, was das Ergebnis mit erklären kann (Hiney et al. 2021).
Allergien: die Helsinki-Studie
Eine Arbeit dazu stammt aus dem Projekt DogRisk der Universität Helsinki. Halter von 4.022 Hunden beantworteten einen Fragebogen, auch dazu, was ihr Hund als Welpe fraß (Hemida et al. 2021). Hunde, die als Welpen rohen Pansen oder rohe Innereien bekamen, hatten laut ihren Haltern später seltener Allergiezeichen an der Haut. Dasselbe galt allerdings für Essensreste vom Tisch, während Obst mit mehr Allergiezeichen einherging, obwohl es nach BARF-Ratgebern dazugehört. Die Autoren schreiben selbst, dass ihre Studie einen ursächlichen Zusammenhang nahelegt, ihn aber nicht beweist.
Wer die Studie bezahlt hat, gehört dazu. Mitfinanziert wurde sie unter anderem von Firmen, darunter laut den Autoren Rohfutterhersteller (Erwiderung 2022). Kritiker halten es für fragwürdig, Halter Jahre später zu fragen, was ihr Welpe im Alter von zwei bis acht Monaten fraß. Auch die Kritik hat Geldgeber: Unter den Interessenkonflikten, die Jennifer Larsen dazu angibt, stehen Studien mit Geld von Royal Canin, Nature's Variety und Purina (McKenzie & Larsen 2022). Beide Seiten haben also Geldgeber aus der Futterindustrie. Was bei Juckreiz wirklich hilft, steht unter Hund kratzt sich.
Darmflora
Eine Münchner Studie verglich den Kot von 27 BARF-Hunden mit dem von 19 Hunden mit Fertigfutter. Bei den BARF-Hunden fanden sich mehr E. coli und Clostridium perfringens, und ein Index für ein gestörtes Gleichgewicht der Darmflora lag höher (Schmidt et al. 2018). Anders ist die Darmflora also, vielfältiger aber nicht: Die Zahl der Bakterienarten unterschied sich zwischen den Gruppen nicht. Die Erstautorin arbeitete nebenher bei einer Münchner Ernährungsberatung für Hunde und Katzen.
Was belegt ist: Der Ration fehlt oft etwas
Von 95 BARF-Rationen erwachsener Hunde in Deutschland waren 60 Prozent bei Mineralstoffen, Spurenelementen oder Vitaminen unausgewogen (Dillitzer et al. 2011). Fertig-BARF ist nicht automatisch besser: In einer Studie mit in Deutschland gekauftem Rohfutter für Hunde und Katzen zeigte jedes der 31 als Alleinfutter gekennzeichneten Produkte bei den Nährstoffen mindestens eine Auffälligkeit (Vecchiato et al. 2022). Auch die fünf tiefgekühlten Barf-Menüs im Test der Stiftung Warentest von 2019 reichten nicht an die Qualität vieler Dosenfutter heran.
Ein Fertigmenü kann den Hund allein versorgen, wenn „Alleinfuttermittel“ auf dem Etikett steht. Nur dann reicht es laut dem Etikett-Kodex des europäischen Industrieverbands FEDIAF für eine tägliche Ration, ein Ergänzungsfuttermittel nur zusammen mit anderem Futter. Wie sich BARF in die übrigen Futterarten einordnet, zeigt die Landkarte im Fütterungs-Center.
Besonders heikel ist eine unausgewogene Ration bei Welpen großer Rassen. Sie brauchen viel Calcium, und bekommen sie nur rohes Fleisch ohne Knochen und ohne Zusätze, sind sie für eine Störung des Knochenstoffwechsels besonders anfällig (Nowak et al. 2024). Mehr dazu unter Welpengelenke schonen.
Keime: das am besten belegte Risiko
Rohes Fleisch kann Salmonellen, Listerien und andere Erreger tragen, und Tiefkühlen hilft dagegen nicht zuverlässig. Weder Einfrieren noch Gefriertrocknen tötet alle Erreger in Rohfutter ab (MSD Veterinary Manual). In 96 tiefgekühlten Rohfutterproben vom Rind aus Wiener Zoofachgeschäften fanden sich in sieben Salmonellen und in zehn Listeria monocytogenes (Koch et al. 2020). Von zehn in Deutschland gekauften Rohfutterprodukten enthielten zwei Salmonellen (Vecchiato et al. 2022).
Die Keime landen auch im Hund. In einer britischen Studie schieden 54 Prozent der roh gefütterten Hunde antibiotikaresistente E. coli aus, bei den übrigen 17 Prozent. Salmonellen fanden sich nur bei roh gefütterten Hunden (Groat et al. 2022). Anstecken können sich auch Menschen im Haushalt, die den Hund gar nicht füttern (WSAVA).
Für wen BARF eher nicht in Frage kommt
- Haushalte mit kleinen Kindern, Schwangeren, älteren oder immungeschwächten Menschen. Sie stecken sich leichter an (WSAVA, BVA). Kinder, besonders unter fünf Jahren, sollen rohes Tierfutter gar nicht anfassen, rät die britische Regierung (GOV.UK).
- Therapiehunde. Sie sollten wegen der Keime nicht roh gefüttert werden, raten Fachleute der Vetmeduni Wien.
- Welpen großer Rassen ohne berechnete Ration. Ein Calciummangel kann ihr Skelett schädigen (Nowak et al. 2024).
- Hunde mit einer Erkrankung. Dann gehört das Futter zur Behandlung, und was in den Napf kommt, entscheidest du gemeinsam mit deiner Tierarztpraxis.
Wenn du barfst: Ration und Hygiene
- Lass die Ration berechnen, von einer Tierärztin oder einem Tierarzt mit Schwerpunkt Ernährung. Bei Fertig-BARF reicht allein nur ein Alleinfuttermittel.
- Taue im Kühlschrank auf, nicht auf der Arbeitsfläche oder in der Spüle, und spüle rohes Fleisch nicht ab (FDA). Aufgetautes verbrauchst du am selben Tag (Vetmeduni Wien).
- Bewahre es getrennt auf: im untersten Fach des Kühlschranks, mit eigenen Behältern und Utensilien (GOV.UK).
- Wasch dir die Hände nach jedem Kontakt mit dem Futter mindestens 20 Sekunden mit Seife (FDA).
- Reinige Napf und Utensilien heiß. Heißes Wasser mit Spülmittel genügt laut Vetmeduni Wien, ebenso die Spülmaschine mit über 60 °C. Die FDA rät, Flächen und Gegenstände wie Näpfe und Schneidbretter nach dem heißen Abwaschen zusätzlich zu desinfizieren oder in die Spülmaschine zu geben.
Häufige Fragen
Ist BARF gesund für Hunde?
Mit einer fachlich berechneten Ration lässt sich ein Hund auch mit BARF ausreichend versorgen, heißt es in einer Pressemitteilung der Vetmeduni Wien. Gesünder als Fertigfutter ist es nach heutigem Stand aber nicht belegt (WSAVA), und die Risiken sind es: Von 95 BARF-Rationen in Deutschland waren 60 Prozent unausgewogen (Dillitzer et al. 2011), und rohes Fleisch kann Salmonellen enthalten.
Warum raten Tierärzte von BARF ab?
Die WSAVA rät wegen der gut dokumentierten Risiken davon ab. Einig sind sich Tierärzte aber nicht: Die BVA hält einen Nutzen für möglich, aber nicht ausreichend erforscht. In einer Umfrage unter 169 Teilnehmenden aus Tierarztpraxen in Deutschland und Österreich empfahlen manche sogar BARF; die Studie zählt das zu den Fütterungsmythen, die auch unter Tierärzten verbreitet seien (Bruckner & Handl 2021).
Schützt BARF vor Allergien?
Das ist nicht belegt. Die Helsinki-Studie fand in Halterfragebögen weniger Allergiezeichen bei Hunden, die als Welpen bestimmte rohe Zutaten bekamen. Einen ursächlichen Zusammenhang beweist sie nach Aussage der Autoren nicht (Hemida et al. 2021), und mitfinanziert wurde sie unter anderem von Rohfutterherstellern (Erwiderung 2022).
Ist Fertig-BARF sicherer als selbst gemischtes BARF?
Auch Fertig-BARF kann Keime tragen: Von zehn in Deutschland gekauften Rohfutterprodukten enthielten zwei Salmonellen (Vecchiato et al. 2022). Vollständig ist ein Fertigmenü nur, wenn es als Alleinfuttermittel gekennzeichnet ist, und auch dann zeigte in derselben Studie jedes der 31 so gekennzeichneten Produkte mindestens eine Auffälligkeit bei den Nährstoffen.
Verhindert BARF Zahnstein?
In kleinen Studien ging Zahnstein zurück, wenn Hunde Rinderknochen kauten, rohe wie erhitzte. Das ist ein Kau-Effekt, und Knochen bergen eigene Risiken: In einer australischen Auswertung waren 77,4 Prozent der Fremdkörper in der Speiseröhre Knochen (Wyatt & Barron 2019).
Fazit
- Dass BARF gesünder ist als Fertigfutter, sieht der Weltverband der Kleintiermedizin nicht ordentlich belegt. Plausibel ist eine etwas bessere Verdauung.
- Die Versprechen zu Zähnen, Fell und Allergien beruhen auf kleinen Studien, Halterangaben oder einem Kau-Effekt, der auch mit erhitzten Knochen eintritt.
- Belegt sind die Risiken: unausgewogene Rationen und Keime, die auch Menschen im Haushalt erreichen.
- Wenn du barfst, dann mit berechneter Ration und strenger Küchenhygiene. In Haushalten mit gefährdeten Menschen und für Therapiehunde ist roh keine gute Wahl.
Quellen
- WSAVA Global Nutrition Committee Statement on Risks of Raw Meat-Based Diets · WSAVA
- BVA policy position on diet choices for cats and dogs · British Veterinary Association
- Raw diets for dogs and cats: a review, with particular reference to microbiological hazard · Journal of Small Animal Practice (PMC)
- Dog and Cat Foods · MSD Veterinary Manual
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